Lionel Perret: Wo die Windenergie in der Schweiz heute steht
Lionel Perret, Geschäftsleiter von Suisse Eole, lieferte die Zahlen zum Stand der Windenergie – international, in der Schweiz und im Hitzesommer 2026.
Lionel Perret, Geschäftsleiter Suisse Eole
Perret zeichnete zunächst das internationale Bild: 2025 wurden weltweit 165 GW installiert – ein Rekord, +40 Prozent gegenüber 2024 –, und Europa erlebte mit 19,1 GW das beste Jahr seiner Geschichte. Die Schweiz zählt erst 50 Anlagen (161 GWh Produktion 2025, Strom für 146'000 Personen), doch die Projekt-Pipeline ist bereits 15-mal grösser als der bestehende Park; vier Parks sind im Bau oder baureif (Sur Grati VD, Charrat VS, Quatre Bornes NE, Montagne de Tramelan BE).
Eindrücklich war seine Analyse des Hitzesommers 2026: In den Hitzeperioden lagen die Strommarktpreise zeitweise um 20 Rappen pro Kilowattstunde und höher, während Wasserkraft (tiefe Stauseestände) und Kernkraft (Kühlung) unter Druck standen und die Solarproduktion die Abendstunden nicht abdecken konnte. Genau in diesen Stressphasen lieferte die Windenergie – oft in den wertvollen Stunden: Der von Windstrom erzielte Erlös lag in dieser Periode mit 144 EUR/MWh rund 3 Prozent über dem Durchschnittspreis (140 EUR/MWh) und mehr als doppelt so hoch wie derjenige der Solarenergie (68 EUR/MWh). Wind ist damit nicht nur Winter-, sondern auch Hitzesommer-Versicherung.
Aus der Schweizer Projektlandschaft: Das Repowering in Diegenstal (LU) verdoppelte die Jahresproduktion von 12'600 auf 25'700 kWh – mit weniger installierter Leistung dank moderner Dreiblatt-Technik; Wind ergänzt dabei die Solarenergie ohne Speicherverlust (mehr Produktion im Winter und teils nachts), was ihn für Eigenverbrauch und lokale Elektrizitätsgemeinschaften interessant macht. Gutachten zu bestehenden Anlagen ergaben zudem, dass ältere Turbinen noch 15 bis 20 Jahre weiterlaufen können. Die aktive Pipeline über alle Kantone beträgt 2,98 TWh pro Jahr und übertrifft damit bereits das Bundesziel 2030 von 2,3 TWh; führend ist der Kanton Waadt (rund 700 GWh), gefolgt von Luzern und Freiburg.
Zur Waldschutz-Initiative: Sie würde nicht nur verlangsamen, sondern die Branche blockieren – 70 Prozent der nationalen Pipeline (397 Anlagen, 2'786 GWh/Jahr) liegen im Wald oder bis 150 Meter davon entfernt, weitere 17 Prozent teilweise; nur 13 Prozent wären nicht betroffen, zumal auch bewaldete Weiden (pâturages boisés) als Wald gelten. Das Suisse-Eole-Ziel 2035 von 7,5 TWh pro Jahr (davon 5 TWh im Winter) bleibt erreichbar, wenn Verfahren künftig in Horizonten von etwa 5 Jahren durchlaufen werden; das heute erfasste Potenzial deckt 3'853 GWh – die Lücke soll über neue Richtplanzonen, Einzelanlagen in Industriegebieten und Gemeinde-Energie-Hubs geschlossen werden.
Ausführlich behandelte Perret das Vogelthema: Bei systematischen Kadaversuchen rund um Schweizer Anlagen (Suchradien um jede Turbine, Kontrolle durch Biologen, Testkadaver zur Validierung der Suchmethode) wurden in einem Jahr an sechs Anlagen vier tote Vögel gefunden. Selbst mit konservativen Unsicherheitsfaktoren von rund 5 Vögeln pro Anlage und Jahr ergäbe der Zielausbau hochgerechnet etwa 3'750 betroffene Vögel pro Jahr – verschwindend wenig gegenüber den vom Bund bezifferten rund 30 Millionen Vögeln, die jährlich Katzen zum Opfer fallen (wobei er einräumte, dass der Vergleich nicht dieselben Arten betrifft). Als wirksame Massnahme nannte er das Schwarzfärben eines Rotorblatts, das gemäss zitierten Studien die Kollisionen um rund 87 Prozent reduziert. Sein Fazit: Der Einfluss auf Vogelbestände ist begrenzt und mit Massnahmen weiter reduzierbar; in der Grössenordnung gibt es weit wirksamere Hebel für den Vogelschutz.
Aus der Fragerunde
Zur Sorge sinkender Immobilienpreise verwies er auf eine Untersuchung des Bundes, die keine klare Wertminderung feststellen konnte, sowie auf konkrete Gemeinden mit Windparks, in denen die Immobilienwerte gleich stark stiegen wie in den Nachbardörfern. Ein Votant aus dem Naturschutz ergänzte, jeder einzelne Vogel zähle – gerade deshalb sei Windkraft aktiver Vogelschutz, weil sie den Klimawandel bremse, unter dem die Vögel weit stärker leiden. Zum Ausblick betonte Perret, die Initiative sei ein widersprüchliches Signal: Just wenn der gesetzliche Rahmen vereinfacht wurde, drohe eine neue Blockade-Ebene.
Teil 3 von 11 unserer Serie zur Nationalen Windenergietagung 2026. Zur Übersicht mit allen Beiträgen
Quelle und Programm: Nationale Windenergietagung 2026 – Suisse Eole
Diese Zusammenfassung wurde von Michael Hagmann mit Unterstützung von künstlicher Intelligenz aus Tonaufnahmen und Präsentationsfolien erstellt und manuell geprüft. Einzelne Angaben können ungenau sein – massgebend sind die Originalunterlagen der Referierenden. Die Illustration wurde mit KI erstellt.
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